Blog-Layout

Joe wählt Trump und preist China. Eine Begegnung in Chișinău (2018)

Jörg Scheller • 15. Februar 2025

Erstveröffentlichung: 9.6.2018, NZZ

Es ist eine jener Zufallsbegegnungen, die die Lektüre eines Dutzends politologischer und soziologischer Studien ersetzt. Im Mai dieses Jahres trete ich morgens aus meinem Hotel im Botschaftsviertel von Chișinău, der Hauptstadt der Republik Moldau. Es ist ein schöner, sonniger Tag. Die Linden blühen über bröckelndem Asphalt, von Westen weht ein teilnahmsloser Wind und die Luft würde mit den Achseln zucken, wenn sie welche hätte. In der für sie typischen poetischen Nonchalance dämmert die Provinzmetropole am Rande Europas. Eigentlich will ich in den Parcul Anulelul. Doch im Hof des Hotels begegne ich Joe.

"Hi!", ruft er und blickt von seinem vollbepackten Motorrad, dessen Motor er gerade einer Inspektion unterzieht, auf. Joe ist Mitte 50, US-Amerikaner, Ingenieur, weiss, kräftig, Baseballcap. Schnell entspinnt sich ein Gespräch. Es wird zwei Stunden dauern und sich zu einem Panorama der Konflikte zwischen Konservativen und Progressiven, Geistes- und Naturwissenschaften, Amerika und Europa entfalten.

Joe stammt aus Massachusetts. Bis vor kurzem baute er Roboter und besass ein Unternehmen. Weil die chinesische Konkurrenz immer billiger und besser wird, hat er es verkauft. Der Erlös erlaubt ihm einen sorgenfreien Lebensabend. Mit seinem Motorrad bereist er die Welt, war schon in Pakistan, Marokko, Nigeria, Südamerika. Über Moldau hat er gelesen, wie desolat der Staat sei: "Come on! Ich war in den Slums von Afrika und den Favelas von Südamerika. Europa ist eine Insel des Wohlstands und der Sicherheit." Man müsse die Dinge schon in Relation setzen. Die Hotelbesitzerin läuft vorbei. "Sie leben in einem fantastischen Land!", ruft er ihr zu. Sie bittet ihn, bei seinem geplanten Ausflug nach Rumänien Medikamente für ihr Kind zu kaufen, die in Moldau nicht erhältlich seien.

Joe bezeichnet sich selbst als Libertären. Meist habe er die Republikaner gewählt, aus geschäftlichen Gründen ("better for business"). Zwar sei er kein Fan von Trump, doch er fände es gut, wenn geschäftstüchtige Problemlöser wie er an der Spitze stünden. Darum gehe es in der Politik: Probleme lösen, wie ein Ingenieur das tun würde. Ideologiefrei. Nüchtern. Realistisch. Rational. Ich entgegne, dass das Lösen von Problemen doch von Werten, politischen Haltungen, Emotionen, Lebensstilen abhänge. Welche Art der Lösung man wähle, sei kein neutraler, rein technischer Prozess. Trump handle zutiefst ideologisch. Und die Langzeitfolgen seiner Politik, nicht zuletzt mit Blick auf seine Verbalgewalt, seien unabsehbar. Joe winkt ab. Wegen solcher Spitzfindigkeiten befänden sich die Vereinigten Staaten von Amerika im Niedergang. Verzärtelung. Für China findet er indes lobende Worte.

Ich bin verdutzt. Ein Lob auf China, ausgerechnet von einem freiheitsliebenden Republikaner? In China werde doch zensiert, überwacht, bevormundet! Man denke nur an das Social Credit System, das China einführen wird: Da würden Bürger zu unmündigen Kindern erklärt und der Staat zum allmächtigen Elternteil. Von wegen! kontert Joe. Was sei denn daran schlimm? Die, die sich korrekt verhalten, werden belohnt. Die, die Schlechtes tun, sich nicht an die Regeln halten, werden bestraft. "Positive reinforcement", nennt er das. Das Normalste von der Welt.

Wo steht denn geschrieben, erwidere ich konsterniert, dass die kommunistische Partei wisse, was das Beste für die Bürger ist? Es brauche doch demokratische Kontrolle, Checks & Balances, offene Kritik, Bildung und freie Presse, um blinde Flecke, Mängel, Machtmissbrauch aufzuzeigen. Joe grummelt. Im polarisierten Amerika könne man sich zwar frei äussern, doch die Konsequenzen seien drastisch, wenn das Gesagte nicht in die Agenda der Demokraten passe. Wer etwa bei der Regierung oder bei einem Konzern arbeite, verlöre seinen Job, wenn auch nur der leiseste Verdacht des Rassismus bestünde. Er selbst sei überzeugt, dass die Intelligenz von Menschen mit ihren Genen zusammenhänge – wissenschaftlich erwiesen! Deshalb sei er aber kein Rassist. Nur Rassen, die gäbe es eben schon. Zuhause könne er das nicht frei sagen. Viele Anwälte hätten sich auf Diskriminierungsklagen spezialisiert. Ein Millionengeschäft.

Mir wird mulmig. Joe sieht in "Rasse" eine nüchterne naturwissenschaftliche Kategorie. De facto ist sie immer eine politische gewesen. Primär dient sie dazu, bestehende Machtverhältnisse zu verfestigen. Ich versuche, zu differenzieren. Mag sein, dass Anwälte progressive Anliegen für Profitmache missbrauchten. Das ändere aber nichts an der Notwendigkeit der Kämpfe für mehr Gerechtigkeit. Mag sein, dass wir biologisch konditioniert sind – aber eben konditioniert, nicht determiniert! Die Frage sei doch, welche Schlüsse man aus der Tatsache, dass es unterschiedliche Genome gäbe, ziehe. Müde Bejahung des Status Quo? Geburt als Schicksal? Oder Arbeit am Selbst und Förderung der Benachteiligten? Überdies, argumentiere ich, seien nicht alle Teile unseres Genoms aktiv, wie die Epigenetik bewiesen habe. Je nach Lebenslage variiere die Genomaktivität. Die alte Genetik sei zu statisch, zu eindimensional. Nicht zuletzt passe sie nicht zum American Dream!

Nun differenziert auch Joe. Das möge schon zutreffen. Aber es sei doch unbestreitbar, dass manche Menschen eher für bestimmte Tätigkeiten geeignet seien und andere weniger. Nicht jeder brächte die Intelligenz mit, um ein herausragender Ingenieur, Programmierer oder Politiker zu werden. Und wer kleinwüchsig sei, könne in der National Basketball Association nicht mithalten: "Wir sollten keine Identitäten fördern, sondern einfach die Besten!" Sein Verständnis davon, was "das Beste" ist, beruht auf Kategorien des sportlichen und wirtschaftlichen Wettbewerbs. Die heutige politische Agenda, meint Joe, rede den Menschen ein, dass alle alles sein könnten. Das werde ihnen nicht gerecht, versetzte sie in Stress, führe zu Frustration.

Schön und gut, entgegne ich. Es stimme, dass man Menschen keine Illusionen machen sollte, sie könnten alles, wirklich alles erreichen. Aber warum in Kategorien von Schwarz und Weiss denken? Und was genau ist "gut"? Das "Beste" sei keine göttliche Offenbarung. Fortschritt wiederum entstehe auch dadurch, dass Menschen, die etwas nicht gut können, sich gerade auf diesem Gebiet betätigten. So kommt Neues in die Welt. Wenn Denkstile verkrusteten, förderten sie nichts Bahnbrechendes zutage. Den gegenwärtigen Stand der Kultur zu naturalisieren und auf überzeitliche Begriffe von Rasse oder Klasse zurückzuführen, sei unredlich. Und was den Basketball beträfe –manche begnügten sich mit der Feststellung, dass man dafür hoch springen können müsse. Andere gründeten Basketballligen für Rollstuhlfahrer.

Joe schnaubt verächtlich. Paralympics, eine gutmenschliche Schnapsidee der Kennedys. Das wolle doch kaum jemand sehen. Klar, könne man schon machen. Aber wehe, wenn die Rollstuhlfahrer genau so viel Geld verlangten wie Shaquille O'Neal! Es folgen Tiraden, wie man sie von Breitbart & Co kennt: Hillary Clinton geht es nur ums Geld! George Soros hat für die Nazis gearbeitet! Der Deep State ist überall! Soros musste als jugendlicher Jude in Nazi-Ungarn überleben, sage ich. Ob es Trump etwa nicht ums Geld gehe, frage ich. "Er ist so reich, dass er nicht käuflich ist!", frohlockt Joe. Ich entgegne: Er ist so reich, weil er käuflich ist.

Könnte ich eine gute Nachbarschaft mit diesem Mann pflegen? Vermutlich schon. Die Begegnung verläuft respektvoll. Wie aber würde Joe mit mir sprechen, wenn ich nicht wie er weiss, männlich, gebildet wäre? Wohl anders. Würde er proaktiv gegen die Benachteiligung von Minderheiten kämpfen? Unwahrscheinlich. Würde er den Status Quo, der ihm als Ingenieur und homo oeconomicus dienlich ist, von sich aus hinterfragen? Sicherlich nicht. Er vertraut darauf, dass Gene, Technik und Markt alles zum Besten lenken – weil er ein Mensch ist, dem Technik und Markt am Nächsten sind und dessen Gene ihn offenbar begünstigten. Ein Zirkelschluss.

In Joes Ausführungen zeichnet sich das Erbe des klassischen Utilitarismus ab. Im Utilitarismus ist die Nutzensumme für die Gesellschaft ausschlaggebend. Sie steht über dem Wohlergehen einzelner Mitglieder. Wie der Philosoph John Rawls treffend ausgeführt hat, weicht der Utilitarismus dabei der Frage nach der Legitimation der Bedürfnisse, die er zu befriedigen sucht, aus. Er ordnet das Gerechte dem Guten nach, ohne letzteres überzeugend begründen zu können. Grössere Vorteile einiger können geringere Nachteile anderer aufwiegen.

Gesellschaftliche, politische, ethische Aufgaben delegiert Joe an die "unsichtbare Hand", von der in Adam Smiths Reichtum der Nationen die Rede ist. Doch es hat einen guten Grund, warum Smith die Metapher nur selten und an entlegenen Stellen gebraucht. Erst seine Anhänger haben sie mit esoterischer Verve zu einer vereinfachenden Weltformel ausgebaut. Smith wäre das fremd gewesen. Für Joe hingegen ist sie eine Selbstverständlichkeit. Seine sichtbare Hand zieht eine letzte Schraube an. "Done! Was nice meeting you!" Er rattert davon, durch den immer noch teilnahmslosen Westwind in Richtung Rumänien. Vielleicht ist er ja bald wieder zurück, im Gepäck die Medikamente für das Kind der Hotelierin.

18. November 2024
In den von heiligem Ernst durchpulsten Diskussionen über den Genderstern scheinen die Fronten klar zu sein. Auf der einen Seite Progressive, die für eine gerechte, inklusive Welt einstehen und dafür selbst feinste Verästelungen der Sprache optimieren wollen. Auf der anderen Seite Konservative, die eine solche Welt verhindern wollen, trotzig am Alten festhalten, einen Geist des Reaktanten und Reaktionären verströmen. Durch strategisch geschickte gesetzte Framings wie «geschlechtergerechte Sprache» landen jedoch alle, die sich kritisch zu sprachpolitischen Massnahmen wie dem Genderstern äussern, automatisch im Lager der Ungerechten. Wie könnte man denn bei klarem Verstand irgendetwas gegen das Gerechte einzuwenden haben? Doch Kritik am Genderstern muss nicht zwingend ungerecht, reaktionär oder reaktant sein. Im Gegenteil – es gibt gute Gründe gegen den Genderstern, die gerade den menschenfreundlichen Anliegen, die seiner Einführung zugrunde liegen, verpflichtet sind. Um diese Gründe zu verstehen, muss man den Genderstern einer Feinanalyse unterziehen, anstatt ihn reflexhaft als Ausdruck einer Weltanschauung zu deuten. Dann wird man starke Indizien dafür finden, dass er das Gegenteil dessen, was er eigentlich leisten soll, leistet. Mit der Einfügung des Gendersterns in eine Sequenz von Buchstaben werden Wörter unfreiwillig zu dualistischen Symbolen: Die Buchstaben des Alphabets einerseits, Sonderzeichen andererseits. Denn innerhalb eines einzelnen Wortes, so will es unser Sprachsystem, tauchen keine anderen Zeichen auf als eben Buchstaben, die mit Hilfe von grammatischen Regeln arrangiert werden. Sonderzeichen wie Apostrophen oder Ellipsen sind keine Ausnahme, wie mitunter behauptet wird. Vielmehr markieren sie Auslassungen von Buchstaben, sind also blosse Platzhalter. Der Genderstern wiederum ist weder Buchstabe noch folgt er grammatischen Regeln. Als mögliche Abstraktion eines Sternes hat er Züge dessen, was der Bildwissenschaftler Klaus Sachs-Hombach «wahrnehmungsnahes Zeichen» nennt. Er steht vereinsamt sowohl ausserhalb des Alphabets als auch der Grammatik. So bewirkt er als solitäres Einsprengsel ungewollt etwas anderes als das, was er bewirken soll: die Bezeichneten dadurch, dass sie «in der Sprache sichtbar gemacht werden», zu normalisieren. Lässt man sich für einen Moment auf den bei Befürwortern und Gegnern genderzentrierter Sprachpolitik weit verbreiteten Glauben ein, die Sprache spiegele mitsamt dem grammatischen Geschlecht (Genus) nicht nur das soziale oder biologische Geschlecht, sondern auch die real zwischen ihnen existierenden Machtverhältnisse, dann entsteht durch den Genderstern ein irreführendes Bild: In einem durch den Stern in zwei Hälften gespaltenen Wort werden Männliches (links) und Weibliches (rechts) durch Buchstaben repräsentiert, die, nun ja – «Anderen» indes durch ein Sonderzeichen. So besteht die Gefahr, dass der Genderstern sprachpolitischem Othering Vorschub leistet. Dabei gälte es doch, inter-, trans-, diversgeschlechtliche Personen nicht als «die Anderen» zu sehen! Das Sonderzeichen des Gendersterns unterscheidet sich von den Buchstaben zusätzlich durch seine Position. Es schwebt über einer Lücke zwischen den auseinandergerückten Polen von Männlichem und dem weit rechts abgeschlagenen Weiblichen. Durch die vertikale Entrückung und die entstandene Kluft wird die traditionell angenommene Polarität von Männlichem und Weiblichem noch verstärkt – auch das entgegen der eigentlichen Absicht. Schreibt man «Basketballerinnen» oder «BasketballerInnen», so ergibt das ein Kontinuum zwischen männlich und weiblich, egal ob man dieses biologisch, sozial und/oder grammatisch versteht. Das eine geht bruchlos ins andere über, wie es in Natur und Kultur ja der Fall ist. Nur aus reproduktionsbiologischer Sicht gibt es (bislang) einen wesenhaften Unterschied zwischen Mann und Frau, die restlichen Unterschiede sind gradueller Art im statistischen Mittel: mehr Testosteron, weniger Testosteron, stärkere Gesichtsbehaarung, schwächere Gesichtsbehaarung, diese Berufswahl, jene Berufswahl, diese Lebenserwartung, jene Lebenserwartung, und so weiter. Am Ende steht dann doch ein Individuum. Schreibt man hingegen «Basketballer*innen», bricht der Genderstern dieses Kontinuum auf. Im Übrigen ändert er nichts daran, dass die weibliche Form, etwa «BasketballerInnen», von der männlichen Form abgeleitet ist und letztere stolz vorne steht. So ist es auch mit dem vorgeblich neutralisierenden Diminutiv «Gendersternchen». Das Sternchen ist und bleibt ein Derivat von «dem Stern». Im Verbalsprachlichen ist es noch heikler als im Schriftsprachlichen. Da dem Genderstern anders als den Buchstaben kein Laut zugeordnet ist, werden die mit ihm Repräsentierten zur phonetischen Leerstelle. Das männliche Geschlecht wird ausgesprochen, das weibliche Geschlecht wird ausgesprochen, das dritte oder xte aber nicht? Diese Diskrepanz, diese Asymmetrie kann niemand ernsthaft wollen. Varianten wie der in die Lücke eingefügte, ebenfalls als Marker der Geschlechtervielfalt gedachte Doppelpunkt (:) wiederum sind oft unfreiwillig komisch: Ausgerechnet eine binär strukturierte Interpunktion soll das binäre Geschlechterdenken aufbrechen? Der Schrägstrich (/) errichtet unterdessen eine windschiefe Mauer zwischen Hans und Hedwig. Mit dem bescheideneren, bodenständigeren Unterstrich (_), der sich mit etwas gutem Willen als Fusspfad oder flache Brücke deuten lässt, könnte man eher leben. Allein, auch er ist und bleibt ein Sonderzeichen ohne klangliche Dimension. Was sind die Alternativen? Am einfachsten fährt man mit dem «generischen Maskulinum», insofern es etabliert ist und die aussersprachlichen Geschlechterverhältnisse nicht «spiegelt», wie das mechanistische Denken aktueller Sprachpolitik als Prämisse voraussetzt, sondern in ambivalentem, ja ironischem Verhältnis zu ihnen steht. Wäre Grammatik tatsächlich ein «Spiegel» der Verhältnisse, müssten Sprachen ohne Genus, etwa das Japanische oder Türkische, das Spiegelbild geschlechtsloser, vollendet egalitärer oder queerer Gesellschaften sein. Die entsprechenden Sprachräume belegen, dass dem nicht so ist. Warum gilt im Judentum gesellschaftlich das matrilineare Prinzip, im Hebräischen aber das generische Maskulinum? Und warum haben matriarchale Gesellschaften in der Grammatik ihrer Sprachen kein generisches Femininum ausgeprägt, sondern die privilegierte Stellung der Frau auf andere Weisen betont? Damit ist die Prämissse hinfällig. Man kann nicht einfach, wenn es den eigenen politischen Zielen nützt, im einen Fall behaupten, Grammatik spiegle die Gesellschaft, und im anderen Fall, wenn es besagten Zielen nicht nützt, behaupten, da verhalte es sich halt irgendwie anders. Das generische Maskulinum hat den Vorteil, dass es weder die Binarität wiederauferstehen lässt wie in «Zuschauerinnen und Zuschauer», noch wie der Genderstern unfreiwillig Drittgeschlechtliche oder sonstige Gemeinte exotisiert. Dort, wo es juristisch geboten ist, lässt sich mit wenigen Zusatzangaben vereindeutigen, wer alles gemeint ist. Und dort wo im Alltag tatsächlich Missverständnisse entstehen können, gibt es längst mannigfaltige Formen der Klärung und Kontextualisierung. Die beste, weil salomonischste Lösung bietet indes das nominalisierte Partizip. Es ist wie das generische Maskulinum längst etabliert und eignet sich sowohl für die Kommunikation am Hofe der Behörden als auch für zwanglosen Austausch im Alltag. Formulierungen wie «Studierende» oder «Bewohnende» mögen ungewohnt klingen, aber Gewohnheit ist kein gutes Argument. Grammatikalisch sind sie unproblematisch und vor allem: Sie verstärken nicht den Trend zur Aufspaltung in immer mehr Gruppenidentitäten, die von Kulturkämpfern und Populisten gegeneinander ausgespielt werden können. Darin liegt die Gefahr der Identitätsakzentuierung, zumal wenn sie behördial kodifiziert und verordnet ist. Gruppenbezogene Identität ist traditionell ein Fetisch von Rechten, die sich die Menschheit wie Tierarten im Zoo vorstellen: Eine jede im eigenen Gehege. Erst seit den 1970er Jahren gibt es dezidiert linke «Identitätspolitik». Im nominalisierten Partizip bleibt die geschlechtliche Identität unbestimmt. So läuft man weniger Gefahr, unsere in Wahrheit dynamischen, mehrdeutigen Identitäten ungewollt zu verfestigen, zu vereindeutigen und in sprachlichen Stein zu meisseln. Wo sie präzisiert werden sollen, können sie präzisiert werden. Und meist ergibt sich aus dem Kontext, was Sache ist. Nach allem, was man so hört, ist davon auszugehen, dass in der Stadt Zürich nicht nur Frauen leben. «Bewohnende der Stadt Zürich» passt also. Und wenn von «Wählenden» die Rede ist, dürfte den meisten klar sein, dass bei der Wahl nicht die Voten der männlichen Zwölfjährigen das Zünglein an der Waage waren. Ein weiterer Vorteil des nominalisierten Partizips ist, dass nicht mehr, wie beim Genderstern, das Männliche mit breiter Brust vorne steht und dann «der Rest» als Anhängsel oder, wie es in der sprachpolitischen Literatur über den Gender Gap mitunter so unschön heisst, «Platzhalter» folgt. Es werden nämlich keine maskulinen Ausgangsformen verändert, sondern gleichsam queere Adjektive und Verben. «Studierende» kommen von «studieren», ohne Umweg über «den Studenten». Dass sich das Partizip, wie oft moniert wird, nur auf Personen beziehe, die im Moment des Sprechakts eine Handlung ausführen, aber nicht für wiederkehrende oder habituelle Handlungen, stimmt nicht. «Vorstandsvorsitzende» müssen, gottlob, nicht immer vorstandsvorsitzen, auch «Abgeordnete» gehen manchmal Bowling spielen, «Betagte» können ihr Betagtsein leider nicht unterbrechen, «Alleinerziehende» sind selbige auch dann noch, wenn das Kind im Bett ist, und selbst «Diversitybeauftragte», so munkelt man, sind nicht rund um die Uhr divers. Ob sich die Stadt Zürich bei ihrer sprachpolitischen Selbstoptimierung wohl für eine salomonische Lösung entscheidet oder für eine, die uns, die wir schon tief im Kaninchenloch der Identitarisierung stecken, noch stärker mit dem belastet, was der kluge Kunsthistoriker Kobena Mercer die «Bürde der Repräsentation» nannte?
Share by: